
Zum ersten Mal hatte ich den Begriff vor vielen Jahren gehört. Er war damals irgendwie schick und bedeutete, statt immer mehr zu wollen, mit weniger zufrieden zu sein. Ohne mich bewusst dazu zu entscheiden, habe ich das seit Jahren so gelebt – unterbewusst. Da ich auf Reisen war und kein Einkommen hatte, musste ich mit dem zur Verfügung stehenden Budget klarkommen. Also habe ich immer kreativere Wege gefunden, das Geld länger „haltbar“ zu machen und ohne viel auszugeben, einen recht hohen Lebensstandard zu halten. Natürlich ging das nicht immer und so habe ich gelernt, mit recht wenig sehr glücklich zu sein. Ich sah darin eine spirituelle Übung, denn viele Dinge, die wertvoll sind (z.B. Sonne, Freiheit, Zeit, Natur, gesundes Essen) sind kostengünstig zu haben.
Seit ich vor ein paar Tagen in meine eigene Wohnung gezogen bin, ist mir bewusst geworden, dass ich diese „spirituelle Übung“ als Ausrede dazu verwendet habe, um mich nicht mit einem viel schwerwiegenderen Thema zu beschäftigen: Geld verdienen. Ich hatte dabei eine richtige Blockade. Früher hatte ich einmal recht gut verdient, aber den größten Teil des Gehalts als Schmerzensgeld betrachtet, weil ich Sachen machen musste, die mir zuwider waren. Damit meine ich sinnlose Anforderungen erfüllen, Anweisungen des Vorgesetzten beachten, die oft nur ein Machtspiel darstellten, zähe und nutzlose Aufgaben ausführen, nur damit sie gemacht waren. Das hat mich so viel Kraft und Nerven gekostet, dass ich das Gehalt als Schadenersatzleistung ansah. Natürlich wollte ich unter solchen Bedingungen nicht arbeiten – wer will das schon?
Tief in meinem Herzen wollte ich nur die Essenz, d.h. meine kreative Seite zum Einsatz bringen. Mein Selbst-Ausdruck zum jeweiligen Thema und das möglichst unbeschnitten. Das wird in den meisten Jobs aber nicht gewünscht. Man muss in eine Form passen und eine Stellenbescheibung erfüllen. Die Arbeitsinhalte nach Vorschrift ausführen und jede Abweichung vermeiden, so dass das individuelle Selbst völlig unterdrückt wird. Man wird dann wie von selbst zu der Mitarbeiter-Nummer, die man beim Arbeitseintritt zugeteilt bekommt.
Jetzt stehe ich aber da und habe finanzielle Verpflichtungen. Ich brauche ein Dach über dem Kopf und muss Rechnungen bezahlen. Also muss ich kreativ werden und Möglichkeiten finden, wie ich Einkommen generieren kann, ohne mich sehenden Auges in einen Burnout zu bewegen.